48. Singwoche
Edelhof/Zwettl - 2019

Schade, dass ihr schon seid fertig,
denn ich betracht’ es als gleichwertig.
Alles hier von Jung und Alt
gibt dem ganzen Fest Gestalt.


                        *

Wo geht es nächstes Jahr denn hin?,
fragt in N.Ö. man sich und Wien.
Zum Edelhof es geht bei Zwettl,
sagt uns der digitale Zettel!

Sogleich gewitzte Leute greifen
daher zu ihren Winterreifen,
gilt doch seit je des Waldes Viertel
als ausgesprochen kaltes Viertel.

Indes, so schlimm ist’s nicht geworden
in Niederöst’reichs grünem Norden,
es herrschte hier nur Sommerfrische –
in Hitzejahren eine Nische.

Auch zeigte sich als für die Katz
die Angst vorm Truppenübungsplatz.
Man hört, bis es verhallend schweigt,
das Bollern zwar aus Allentsteig,
doch führt auch eine Truppenübung
nicht gleich zu einer Gruppentrübung.

Viel eher drohen hier Gefahren
sich mit dem Auto zu verfahren,
denn nicht ein jeder gleich gut kann’s:
den Weg zu finden nach Rudmanns.

Es ist der Edelhof ein Reich,
dem Vatikan an Größe gleich;
bloß fehlen hier die hohen Mauern.
Man fürchtet nicht die bösen Bauern
und lässt die Tore offenstehen;
das ward noch kaum wo sonst gesehen.
Man hat Vertrauen in sein Masel,
und dass nicht kommt der Räuber Grasel.

Nach und nach die Sänger kommen,
die mehr und auch die nicht so frommen.
Der Hannes wird erwartet fast
wie stets als Überraschungsgast.

Nicht nur die Unsern trudeln ein:
Wir sind hier nämlich nicht allein.
Die ganze Woche uns begleiten
vergnügt zu allen Tageszeiten
siebzig jugendliche Leute,
die, angeregt von Steiners Lehre,
geben der Musik die Ehre.

Man merkt die freie Pädagogik
schon daran, dass nach ihrer Logik
gleich dreizehn Ält’re stehn bereit,
zu widmen ihre freie Zeit
den jugendlichen Musikanten,
die hin und her im Hause rannten.

Es regnete auch keine Fotzen,
sah man sie in den Gängen knotzen.
Und spätestens das Gstanzl-Singen
half näher sie und uns zu bringen.

Der Franz glänzt nicht nur auf der Kanzel,
nein, auch ad hoc mit einem Gstanzl,
und gern die AMF-ler paschten,
als uns die „Freien“ überraschten
mit einem Lied von Mendelssohn,
als wir beisammen saßen schon

am meistens allzu langen Abend,
uns an dem Mitgebrachten labend,
für das der Dank sei ausgesprochen,
jenen, die bald fünfzig Wochen
mit flüss’gen und mit festen Gaben
zur Stimmung beigetragen haben.

Im Raum, in dem dies findet statt,
einst wurden Zwettler Mönche satt.
Das passt ja gut für unsereinen
beim Singen wie beim Suff von Weinen.

Der Franz hat ausgependelt, wo
im Raum man wird beim Singen froh.
Editha blieb es vorbehalten,
gerade als sie traf Anstalten,
mit ihren Noten in den Händen
ein Fliegenleben zu beenden,
das Rätsel einer ominösen
Holztür ohne Schloss zu lösen.

Entdeckt ward nämlich gleich dahinter
ein Eisentor, durch das im Winter
man käme in den nächsten Trakt,
statt dass man sich ins Freie wagt.

Würd’ Editha hier studieren –
es würde ihr ein Preis gebühren.
An den Wänden in den Gängen
Diplome der Gewinner hängen.

Für Städter eine fremde Welt,
die hier ihre Parade hält!
Gibt’s wirklich heut noch eine Schleppjagd?,
sich unbedarft der Wiener Depp fragt.

Ich rat ihm: Siehst du’s „Fachblatt Raps –
Die Saat“, dann zöger nicht und schnapp’s!

Wir hatten da ein Privileg:
Es wies uns eingangs schon den Weg
des Hauses Leiterin Frau Bauer,
eine Frau mit Charme und Power.

Von der Schule bis zur Saatzucht –
es findet, wer bei ihr den Rat sucht.
So wie ein Kapitän sein Schiff
hat sie auch selber sich im Griff.
Wild umstritten, heiß umfehdet
schläft sie nur dann, wenn sie nicht redet.

Wir wohnen also akkurat
im sogenannten Internat,
und wären nicht die steilen Stiegen,
so würd’ es einen Einser kriegen.

An Brennstoff wird hier nicht gegeizt,
es wird jahraus, jahrein geheizt.
Auch springt, und dies ist kein Gedichtwahn,
wo man auch geht, sogleich das Licht an
und brennt z. B. im Badezimmer,
lässt man die Türe offen, immer.

Gespart wird, ich will das bloß streifen,
hingegen an den Gästeseifen,
und eingestellt auf Schülermassen
ist hier die Küche, nicht aufs Prassen.

Wenn ich so rekapituliere,
sind wir durch frühere Quartiere
halt sehr verwöhnt. Dafür die Preise
sanken wunderbarerweise.
Den Schulgesetzen ist geschuldet,
dass Alkohol wird nicht geduldet;
so gibt es während unserm Hiersein
trotz einer Kanzlerin kein Bierlein.

                         *

So weit die Menschen hier im Hause.
Doch ich gönn euch keine Pause,
denn es liegt schon auf der Lauer
die gute Frau Direktor Bauer,
um uns voll Stolz ihr Reich zu zeigen.
Wir müssen dabei gar nicht schweigen,
drum dauert die gedrehte Runde
gleich eine ganze zweite Stunde.

Ich will mich darum konzentrieren
auf die Besuche bei den Tieren.
Als erste war’n die Fische dran,
die man hier gar nicht sehen kann.
Wie unsre Führerin betont,
sind sie das Licht gar nicht gewohnt,
vermehr’n sich prächtig im Container
und warten nur auf den Entlehner,
der mit dem Wels aus Afrika
auf seine Zukunft baut, hurra!

Ganz landesüblich sind die Bienen
und in der Nähe gleich von ihnen
die Suppenhühner, Legehennen,
die aber grad woanders pennen.

Die Rinder fressen unentwegt
das Heu, das ihnen vorgelegt
von einem Fahrzeug unbemannt.
Und nicht genug der Geisterhand
ist ja das Rindvieh ausgestattet
mit einem Chip und wird beschattet.

Die Schweine, unsere künft’gen Blunzen,
zufrieden in dem Kobel grunzen,
bis kommen Männer oder Frauen
zu wiegen die beleibten Sauen.

Auf eigne Faust hab ich erspäht,
wofür die Führung war zu spät.
Die Pferde hoch erhob’nen Hauptes
tun ebenfalls nichts Unerlaubtes,
gleich ob sie auf der Rennbahn traben
oder sich am Hafer laben.

Und ich erzähle keine Schnurren,
dass hier auch viele Tauben gurren
und sich betät’gen bunte Falter
als eines Wand’rers Unterhalter.

                       *

Jetzt aber rasch zu Exkursionen,
die sich auch hier in Zwettl lohnen.
Die erste, dieser Grund war triftig,
war diesmal sozusagen stiftig.

Je mehr die Jahre nämlich purzeln,
zieht es den Menschen zu den Wurzeln;
und seien diese auch Tortur
gewesen, wie man hier erfuhr
vom singwöchigen Urgestein.
Hier kehrte AMF einst ein
und lagerte auf Folterbetten.
Wir heute mussten uns nicht g’fretten
mit solchen Stiftsreminiszenzen,
erfreuten uns der Kompetenzen
einer tollen Führerin
und hatten anderes im Sinn:
den Kreuzgang und das Brunnenhaus,
und wie barocker Saus und Braus
nicht sehr der Regel mehr entsprach,
der man auch heute noch strebt nach.

Es lässt sich freilich nicht verhehlen:
Wenn wir zu Haus davon erzählen,
bleibt allen in Erinn’rung haften,
wie sich Erleichterung verschafften
die Mönche nach dem Tischgenuss
von Brettern in den kalten Fluss.

Von anderen Temperaturen
im nahen Sprögnitz wir erfuhren.
Es hat so wie Steiff Knopf-im-Ohr
ein Logo auch das „Sonnentor“:
die Sonn’ mit 24 Strahlen,
die dir ein bess’res Leben malen.

Man darf in Kräuterdüften baden
und in dem Shop sein Geld entladen.
Doch mir hat mehr noch imponiert,
dass man chaotisch deponiert.
Man braucht halt große Lagerhallen –
und schon ist dieser Traum gefallen …

Gewalt’ge Hallen wir auch sahen
beim Zwettl-Bräu, dem ziemlich nahen.
Im Kampf der Regionalgiganten
hat dieser die noch schärf’ren Kanten.
Einen Film hat jede Firma
für Onkel Otto, Tante Irma;
doch hier gibt’s einen in 3 D –
das nenn ich einen Überschmäh.

Roboter Blacky, der ist arg,
schon denk ich an Jurassic Park;
wenngleich der tolle Zwettler Bräu-Gag
erinnert mich an einen Heuschreck.

                           *

Jetzt aber bin ich selbst erschrocken,
schon höre ich die Abendglocken
und hab nichts von Musik geschrieben,
wie wir am Edelhof sie trieben.

Nichts von Maestro Nikolaus,
der sich vergabte ein und aus
wie schon in den vergang’nen Jahren,
nur aber etwas mehr erfahren.

Beliebt sind seine Fingerzeige,
die uns erschöpfen bis zur Neige.
Er dehnt die Töne gern so arg,
als wären wir in Dehnemark.

Begeistert führt er vor, wie toll is’
ein gut gesprochenes „Qui tollis“.
Er spielt auf Phrygisch „Hänschen klein“ –
das muss erst einem fallen ein.

„Zäsuren drüber“ nennt er „Schwammerl“ –
drauf reimt sich dankbar Karin Hammerl.
„Gamela, Take, Taketina“
bekömmlich ist auch für die Wiener.

Sein Vater nennt das „propädeutisch“
und klärt uns selber therapeutisch
auf über dieser Woche Thema,
doch liest sich dieses doch bequemer
in Prosa als in schrägen Reimen
aus Edelhofer Schülerheimen.

Doch halt: ein Ordinarium
und zugleich ein Proprium
steht auch am Schluss von dem Gedicht,
auch wenn’s mir schon an Zeit gebricht.

Zum Glück gibt’s Wolfgang mit Renate.
Auf ihn zu reimen gliche Rate-
spielen, doch mit ihr gelingt’s,
und etwas zusätzlich verlinkt’s:
dass beide sind jetzt Pensionisten,
die, wie man weiß, ihr Leben fristen
auf der Suche nach Betätigung
und damit Selbstbestätigung.

Habt Dank! Ihr wisst, wie ich das meine,
es denke jeder sich das Seine.
Und Dank auch jenem ält’ren Sänger,
welcher den Ruhestand schon länger
genießt zu unser aller Wohl
als unser geistlich Unruhpol.

Möge die Übung weiter gelingen
und nächstens wir da capo singen!

 

Wolfgang Bahr
Landwirtschaftliche Fachschule Edelhof, Zwettl
Samstag, 13. Juli 2019, 20.30 Uhr

 

Einleitung: Dank an fünf erwachsene „Kinder der Singwoche“, die fünf anspruchsvolle Stücke vortrugen.

Der Verein „Freie Musikschule Wien“ folgt der von Rudolf Steiner ausgehenden Waldorf-Pädagogik

Schläft sie nur dann: Originalzitat von Frau DI Michaela Bauer

AMF = Ars Musica Ferialis

Brigitte Bierlein, seit 2. Juni 2019 Bundeskanzlerin

Necessarium: Bedürfnisanstalt der Mönche im Mittelalter

Ordinarium und Proprium = die gleichbleibenden und die veränderlichen Messteile, Thema der heurigen Singwoche

Urgestein und Ruhepol: Pfarrer em. Franz Forsthuber

Da capo: Anspielung auf eine Übung Niki Pesls, bei der eine Hand über den Kopf gehalten wird

 

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